Montag, 28. März 2016

Ein Stück mehr Leben

Meine ersten Versuche auf den Höllenschuhen habe ich mit 6 oder 7 Jahren getan, damals waren es noch coole Rollschuhe in die man einfach mit seinen Turnschuhen schlüpfen konnte und sie einfach festschnüren musste. Irgendwann gab es dann richtige Inliner - sie waren schwarz hatten rot/gelbe Akzente und ich glaub es war auch zu Ostern, denn das ganze Jahr stand noch vor mir. Also versuchte ich mich auf diese Art der Fortbewegung. Ich sehe mich noch in unserem langen Hausflur hin und her fahren bis ich mich endlich nach draußen auf den Parkplatz traute. Als dies gut klappte gab es selten ein Halten für mich und ich bin Kreise gefahren bis Mutti mehrmals rufen musste "Miracoli ist fertig" ;)

Das erste Mal. dass ich dann Probleme mit dem Fahren hatte, war mit ca. 16 Jahren. Ich habe meinen besten Freund in Magdeburg besucht und wir sind extra mit der Bahn außerhalb des Zentrums gefahren und nach gerade einmal 10 Minuten musste ich meine Inliner wieder abschnallen. Was taten mir die Schienbeine und Füße weh. Es fühlte sich an wie tausend Nadeln, ein brennedes Kribbeln, furchtbar. Ich schob es auf meine lange Pause, die durch eine OP im Vorjahr ausgelöst wurde und ich mich sicher einfach wieder daran gewöhnen muss.

Im nächsten Jahr passten mir meine Inliner dann gar nicht mehr - der Klickverschluss oben ließ sich einfach nicht mehr schließen, klemmte mir förmlich die Haut ein. Gut, wir kauften neue Inliner, größere. Ließen den Klickverschluss abmontieren und einen Zugverschluss mit Klettband anbringen - so konnte ich stufenlos selbst regulieren, aber auch das half nichts. Der Druck und der damit verbundene Schmerz war unendlich schlimm.
Als wir dann im Winter Schlittschuh fahren wollten saß ich auch nach wenigen Minuten heulend auf der Bank. Niemand konnte mir sagen warum ich nicht mehr Fahren kann.
Nach 3 Jahren verkaufte ich schweren Herzens meine teuren und unbenutzen Inliner für nicht mal die Hälfte - es schmerzte doppelt, denn ich hatte das Gefühl so wenig war den neuen Besitzern meine geliebten Inliner wert, die ich noch nicht mal nutzen konnte.

Mit der Diagnose Lipödem wurde mir schnell klar, dass der Schmerz damit zusammenhing und so hatte ich mit den Liposuktionen neue Hoffnungen vielleicht irgendwann auch wieder Inliner fahren zu können. Vor zwei Wochen war ich wegen einer neuen Laufhose in einem riesigen Sportfachgeschäft und fand auch Inliner, die ich direkt anprobierte und sie passten, sogar mit dem üblichen Schnellverschluss. Ich zögerte also nicht lange und kaufte sie, denn bei dern Proberunde im Laden konnte ich nichts merken - keinen Schmerz.

Nun habe ich die ganze Zeit gewartet, dass das Wetter endlich auf meiner Seite war. Konnte ich eher von Arbeit gehen hat es bislang stets geregnet - an den langen Tagen bis 18 Uhr schien die Sonne :/ Ehrlich jetzt?! Das ist doch verarsche.
Aber heute, heute schien die Sonne und wir hatten etwas Zeit, also Mann, Hund, Inliner und mich ins Auto gesetzt und zu einer ruhigen Straße gefahren, wo ich hin und her rollern konnte.


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Oh man was war das für ein wahnsinns Gefühl.
Mein Herz war erfreut und gemeinsam mit der Sonne strahlte ich um die Wette :)
Mir taten die Füße trotzdem weh, aber ich denke eher, weil ich es nicht mehr gewöhnt war auf diesen Höllenschuhen zu stehen, wo das Gewicht so punktuell gelagert ist. Wenn ich gefahren bin habe ich nichts gemerkt, außer dieses schöne leichte Gefühl und den Wind in meinem Gesicht. 


Es ist so wahnsinn, wie viel Leben ich durch die Liposuktionen zurück gewonnen habe und wie sehr einen diese einfachen Dinge erfreuen können. Es geht nicht darum perfekt zu sein oder aus der Masse hervor zu stechen, sondern so normale Dinge, wie Inliner fahren zu gehen, machen zu können.